Am 29.05.2010
im KUZ Mainz
Das 3. Mainzer Zauberfestival war wiederum ein großer Erfolg. Lesen Sie hier einen Rückblick über alle Veranstaltungen.
Der Blick hinter die Kulissen für den Laien, der Workshop-Charakter für den Fachmann, ausverkaufte Veranstaltungen, das sind wohl die wesentlichen Merkmale des 3. Mainzer Zauberfestivals. Der beste Trick: ein komplettes Theater vor den Augen der Künstler verschwinden lassen. Im Mai veranstaltete der Ortszirkel Mainz/Wiesbaden bereits zum 3. Mal das Mainzer Zauberfestival. Wieder war es ein tolles Ereignis mit vollen Häusern und sehr verschiedenen Veranstaltungen. Das Besondere ist hier sicher die Kombination der öffentlichen und der zaubererinternen Veranstaltungen. Hierdurch entsteht eine ganz eigene Atmosphäre. Die neuen Räumlichkeiten, das Kulturzentrum (KUZ) in Mainz – ein altes Fabrikgebäude - brachten auch neue, vor allem jüngere Zuschauer in die Veranstaltungen. So konnten wieder ein paar Menschen ihre Vorurteile unserer Kunst gegenüber als unbegründet erleben und unser Image wurde nachhaltig verbessert. Fast alle Veranstaltungen fanden unter einem Dach statt: so entstand hier für 3 Tage ein kleines Mekka der Zauberkunst. Das Mainzer Festival zeichnet sich nun schon im dritten Jahr durch die Vielzahl der Veranstaltungen über einen Zeitraum von mehreren Wochen, mit dem Höhepunkt einer großen Abendgala aus.
Ursprünglich wurde dieser Tag als Werbeveranstaltung für die restlichen Veranstaltungen konzipiert. Mittlerweile hat sich die Straßenzauberei aber als eine gute und wichtige, eigenständige Veranstaltung entwickelt. So trafen sich am 15.Mai 10 Künstler und einige Helfer des OZ in Mainz, um an 2 Spielstätten von 10-17 Uhr nahezu ununterbrochen zu zaubern. Das Wetter war kühl, aber die Stimmung unter Zauberkünstlern und Zuschauern dessen unbeirrt gut. Einige Zuschauer sind über 1 Stunde geblieben bzw. andere kamen immer wieder oder pendelten zwischen den beiden Spielstätten. Ein Blickfang war der Bus der Stadtwerke, der als Hintergrund für die Zauberkunst einen tollen Rahmen bildete.
Das angekündigte Programm „Gustafs Skal“ (vgl. Magie 3/2010 Seite 135 – Musik & Magie) musste leider entfallen, da ein Protagonist schwer erkrankte. Schnell wurde ein Ersatzprogramm organisiert. Dieses „Ersatzprogramm“ konnte sich sehen lassen. Mit Unterstützung aus dem Frankfurter Zirkel in Form von Stefan Sprenger und Andreas Fleckenstein, entstand gemeinsam mit Vicente Noguera, Hannes Freytag und Andreas Krall ein Kleinkunstabend der Spitzenklasse. Andreas Krall führte in Rollen aus den verschiedenen Epochen der Zauberkunst durch das Programm. Und neben den beiden Gästen aus Frankfurt präsentierten auch Hannes Freytag und Vicente Noguera pure Magie. Der volle Saal war mehr als begeistert und keiner hat das ursprünglich geplante Programm vermisst. Es war deutlich zu merken, dass das kleine Ambiente des Thalhaus in Wiesbaden, bei dem man max. 5m vom Künstler entfernt sitzt, Zauberkunst noch intensiver macht als auf großen Bühnen.
Roberto Giobbi ist einer der großen Denker der Zauberkunst. Dass dies auch sehr unterhaltsam sein kann, bewies er am 28.5. in seiner „Show für Mitdenker“. Im 1. Teil zeigte er perfekte Zauberkunst mit viel Charme und Witz. Besonders spannend war es für die angereisten Zauberkünstler, einen bekannten Profi mit seinem „Brot und Butter“-Programm auf der Salon-Bühne für Laien (und Zauberer) arbeiten zu sehen. Hier saß jede Pointe, die Vorträge waren geschliffen und spannend, die Zuschauer hingen dem Schweizer an den Lippen. Als er seine „Früchte des Erfolgs“ – Giobbis Version von Geldschein in Zitrone – zeigte, war dies sicherlich nicht der einzige Moment, in dem der Laie staunte und auch die Zauberkünstler sehr getäuscht waren. Im 2. Teil ging es um Kommunikation und Wahrnehmung. Giobbi erläuterte dem interessierten Publikum die wichtigsten Prinzipen der Zauberkunst, ohne dabei wirklich zu verraten, wie unsere Geheimnisse funktionieren. Trotzdem bekam das Publikum einen spannenden Blick hinter die Kulissen des Zauberers, erfuhr, wie sehr sich der Mensch selbst täuscht, wie unsere Annahmen über die Welt unsere Wahrnehmung beeinflussen. Mit vielen lustigen Beispielen in Wort und Bild zeigte uns Roberto, dass wir uns nicht immer so gut verstehen wie wir glauben. Unsere Sprache ist nicht eindeutig und bietet viel Raum für Interpretation. Selten habe ich einen so interessanten Vortrag so unterhaltsam vorgetragen gesehen. Die Form des Vortrags sprengte die bekannten Formen der Zauberdarbietung und bot ein großes Potential, denn die Zuschauer waren fasziniert und dankbar für diesen unterhaltsamen und lehrreichen Einblick.
Wir Zauberer lieben es: Tricks, Kunststücke, Gimmicks, Daumenspitzen, Shells, Krempel und unerkannte Schätze, die man auf magischen Flohmärkten entdecken kann. Doch leider scheint die große Zeit der Zauberbörsen zu Ende zu gehen. Die digitale Konkurrenz für diese Flohmärkte in Form von Ebay ist hier deutlich zu spüren. So waren es nur wenige Zauberer, die in ihren vollen Regalen etwas Platz schaffen wollten. Durch die zusätzlich 5 anwesenden Händler war aber dennoch eine große Auswahl an Kunststücken und Büchern zu erwerben.
Das geheime Zentrum, der Dreh- und Angelpunkt des Mainzer Festivals stellt das Magic Café dar. Der Geheimtipp spricht sich unter der Bevölkerung der Region von Jahr zu Jahr weiter herum, so dass immer mehr Zuschauer kommen, um hier kostenlos Zauberkunst zu erleben. Während des Kongresses konnte man den ganzen Tag Close Up-Zauberkunst im Magic Café erleben und als Laie auch einen Hauch von Kongressluft schnuppern. Reizvoll war der Blick in den nächsten Raum, in den natürlich nur die Fachleute eingelassen wurden, aber man konnte aus der Distanz trotzdem ein wenig schnuppern. Das Magic Café bildete die Schnittmenge der Zauberer und der Laien. Im Nebenraum des Flohmarkts konnten Zauberer, Laien und die Familie von jungen Zauberern ihren Tag bei Kaffee, Kuchen oder belegten Brötchen verbringen. Dabei präsentierten fast durchgehend Zauberkünstler des OZ Mainz/Wiesbaden ihr Close-Up Programm. Es war sicher interessant, die Unterschiede zwischen den Anwärtern und den lang gedienten Zauberkünstlern des MZvD zu sehen. Besonders schön war es, dass auch Künstler aus anderen Ortszirkeln spontan an den Vorführungen teilnahmen. So zeigte z.B. Jakob Matthias seine Wettbewerbs-Matrix und Patrick Lehnen präsentierte sein Programm, mit dem er bei den Vorentscheidungen zur deutschen Meisterschaft teilnehmen wird. Bei sämtlichen Vorführungen hatten sowohl die Zauberer als auch die Laien viel Spaß und es kam auch in den Seminarpausen keine Langeweile auf.
Geboten wurden in diesem Jahr zwei Seminare. Roberto Giobbi sprach über das Leben und Werk von Dai Vernon. Und Giobbi konnte hierzu viel berichten. Sein umfangreiches Wissen versuchte er in zwei Stunden zu komprimieren und erläuterte die wichtigsten Einflüsse der Denkschule Dai Vernons für die Zauberkunst, zeigte Finessen und Kunststücke, erläuterte Konstruktion und Psychologie der Zauberkunst des Professors. Darüber hinaus versuchte er auch durch Anekdoten und biographische Daten den Mensch und Künstler Vernon nachzuzeichnen und näher zu bringen. Auf Aufforderung der Seminarteilnehmer überzog Roberto Giobbi berechtigter Weise noch ein wenig, denn es gab so viel Essentielles zu dieser für die Zauberkunst so maßgeblichen Figur zu berichten. Dabei ist Giobbi ein hervorragender Erzähler, der nicht nur durch sein enzyklopädisches Wissen, sondern auch durch seine spannende Art des Vortragens besticht. In den Gesprächen nach dem Seminar waren sich die Teilnehmer einig, dass es Seminare in dieser Form, über Lichtgestalten unserer Kunstform viel häufiger geben sollte. Julius Frack legte in seinem Seminar dar, was aus einem Trick ein Kunststück macht. Dass Frack weiß, wovon er spricht, zeigt sich an seinen kreativen Adaptionen bekannter Trickprinzipien wie zum Beispiel der Zombie-Schere seines Schneiderprogramms. Nur selten kann man einen Trick beim Händler kaufen, diesen direkt vorführen und Erfolg damit haben. Der Trick muss personalisiert werden. Wie passt der Trick zur Figur, zur Geschichte, mit welcher Motivation wird er gezeigt? Diese Fragen haben Folgen auf das Design des Tricks (Schere), den Rhythmus, die Routine, und ggf. auch auf die Technik (Schere schneidet). Möglicherweise ergeben sich sogar neue Effekte (Zerschneiden des Tuchs). Wenn der Trick also in allen Details auf die Person und die Show angepasst ist, wird vielleicht ein Kunststück daraus. So zeigte Frack einige Kunststücke, die er z.T. bereits in seinem Sonderheft Magie (11/2009) beschrieben hatte. Erstaunt beobachteten die Zuschauer den Unterschied zwischen einem (über-)lesenen Trick und einem präsentiertem Kunststück. Am Ende des Seminars sendet Julius Frack die Teilnehmer mit der impliziten Hausaufgabe nach Hause, aus den mühsam gekauften Tricks nun endlich eigene Kunststück zu kreieren.
Den Höhepunkt des Zauberfestivals bildete die Zaubernacht-Gala. Das mit 300 Plätzen
ausverkaufte KUZ bot den unkonventionellen Rahmen für ein Publikum, das sehr gemischt
aus dem jungen KUZ-Publikum und dem älteren Publikum aus den vergangenen Jahren bestand.
Erfreulich, dass es so gelang, auch ein ganz neues Publikum für die Zauberkunst zu
begeistern. Michelle Spillner führte die Regie und war auch für die Zusammenstellung
der Künstler verantwortlich, wofür sie ein unvergleichliches Talent besitzt. Moderiert
wurde der Abend von Thomas Fraps. Charmant und mit viel Witz ohne flache Pointen
führte er durch den Abend. Hierbei sind Fraps „Fundstücke“ besonders schräg. Er
präsentierte allerlei mögliche und unmögliche Bücher mit skurrilen Titeln, wie
zum Beispiel „Wünsche an das Universum“. Man fragte sich – wer kauft so was (außer
Thomas Fraps)? Bei der gekonnten Moderation ist es erstaunlich, dass Fraps nicht
öfters auf Zaubergalas als Conferencier zu sehen ist.
Der frisch gebackene Weltmeister in der Sparte Großillusionen hatte viel zu tun.
Julius Frack begann das Programm mit „Blaupausen“, bei dem er mit blauem Licht zaubert.
Diese Erweiterung des D´Light schaffte eine tolle Atmosphäre. Die Nummer setzte
die magische Stimmung für den Abend. Später zeigte Frack eine Darbietung zum Thema
bildende Kunst. Hier materialisierte sich zunächst aus einer Zeichnung eine echte
Flasche, weiter gab es ein mentales Experiment rund um des Künstlers Lieblingsgemälde.
Es zeichnet diesen Künstler aus, nicht nur Main-Stream für die breite Masse zu produzieren,
sondern auch den Intellekt des Publikums anzusprechen und dabei vielleicht auch für
andere Arten der Kunst zu interessieren. Aber natürlich durften wir auch die
FISM-Weltmeisternummer sehen. Als krönenden Abschluss des Abends präsentierte er
seine Großillusions-Show, bei der er zunächst seine Partnerin Cindy erscheinen ließ
und diese dann während ihrer Schwebe durchdrang (an dieser Stelle sei der Begriff
Zerschwebe als neuer magischer Effekt in die Geschichte der Zauberkunst aufgenommen).
Zum Abschluss verschwand Cindy in einer großen Trommel, nur um Sekundenbruchteile
später am andere Ende des Raumes wieder aufzutauchen. Bravo.
Roberto Giobbi bewies an diesem Abend, dass er nicht nur ein begnadeter Close-Up-Künstler
ist, sondern auch auf großen Bühnen die Zuschauer in den Bann ziehen kann. So schaffte
er es, mit einem Klassiker der Zauberkunst wie dem Geldschein in der Zitrone auch
das Fachpublikum zu begeistern. Hier stimmte einfach alles – saubere Technik, klarer
Effekt, unterhaltsame Story, Charme, Witz und alles, was sonst noch dazu gehört.
So kann man locker mit einem Kunststück 15 Minuten füllen.
Zum Liebling des Abends wurde aber der französische Hesse Monsieur Brezelberger
(sprich: Bresselberschee). Der Kugelblitz des Varieté ließ kein Auge trocken, als
er im Stil des Improvisationstheaters eine Uhr zu vergolden versuchte, wobei sein
Waschbär Jean-Luc auch keine große Hilfe darstellte. Auch seine 2. Nummer, bei der
die 4 „Schäschtelschen“ immer an der richtigen Stelle waren, ließ das Publikum schreien
vor Vergnügen. Comedy Magic de Luxe.
Als letzte öffentliche Veranstaltung spielten Julius Frack mit Torsten vor ca. 70 Kindern. Interessant war Fracks Experiment, denn er zeigte keine spezielle Kindershow sondern nochmals die Nummern des Vorabends. Und sie funktionieren auch bei Kindern. Torsten bildete einen schönen Gegenpunkt zu Julius Frack. Mit klassischer Kinderzauberei lud er zum Mitmachen und Mitdenken ein. Schön, dass Torsten den Kindern auch die Gelegenheit gab, das zu sagen, was sie denken. Dennoch hatte er immer den Ablauf in der Hand und die Kinder spielten einfach mit. Hier schadet es auch nichts, wenn das eine oder andere Kunststück bereits bekannt ist. Auch ein Kind, das mit etwas viel Adrenalin vollgepumpt war, spielte schließlich gern beim Seiltrick mit. Hier spürte man die Erfahrung von vielen Kindershows.
Für einen ausgewählten Kreis von 20 Personen gab es am Sonntag ein weiteres Bonbon: einen Tagesworkshop mit Roberto Giobbi. Unter den Teilnehmern fanden sich von der Anfängerin (die sich erst aufgrund des Vortrags spontan hierfür interessierte) bis zum professionellen Niveau alles. Erstaunlich war, wie Robero Giobbi es meisterte, die Grundlagen der Kartenzauberkunst (und damit auch exemplarisch viele Grundlagen der Zauberkunst im Allgemeinen) so zu vermitteln, dass für jeden etwas dabei war. Der Anfänger freute sich über didaktisch aufbereitete Tipps zum Erlernen des Filierens, während die Fortgeschrittenen von den dahinter stehenden Konzepten oder den Finessen beim Aufnehmen des Spaltes profitierten. Ein Workshop mit dem Schweizer ist ein absoluter Gewinn, da dem Teilnehmer auf allen Ebenen viel geboten wird. So wurde deutlich, wie komplex die Konstruktion von Kunststücken sein kann, und dass es sich wirklich rentiert, bei einem Kunststück, dass man glaubt gut zu „können“ , jede einzelne Phase zu reflektieren und zu analysieren.
So bleiben wir zum Schluss noch die Antwort schuldig, was es mit dem besten Trick der Veranstaltung, dem verschwindenden Theater vor den Augen der Künstler auf sich hat. Die Location brachte es mit sich, da hier ab 22:00 Partys veranstaltet werden, dass sämtliche Abendveranstaltungen binnen einer Stunde, bis eben spätestens 22°° abgebaut sein mussten. Das Kunststück gelang: die Künstler verließen die Bühne, die Zuschauer das Theater und binnen erstaunlichen 25 Minuten waren 300 Stühle, eine komplette Bühne, Vorhänge und sämtliche Licht- und Tontechnik verschwunden. Als die Künstler wieder aus der Garderrobe traten, standen sie verwundert an einem anderen Ort, einer großen, leeren ehemaligen Fabrikhalle. Der Trick dahinter: viele viele engagierte helfende Hände an die an dieser Stelle ein riesiger Dank ausgesprochen sei! Und nun? Wir freuen uns schon auf das 4. Mainzer Zauberfestival. Dies wird voraussichtlich im Mai 2011 stattfinden.
Hannes Freytag, Torsten Rau und Erik Reischl